Meine Philosophie

Das weise Blatt. Freie Zitate.
Mit unseren Gedanken formen wir die Welt
  • Der Traum vom Himmel

    Wer ist der Türsteher vor dem Himmelstor?


    30.12.2019


    Wer ist der Türsteher vor dem Himmelstor? Kann der Karate? Was muss er tun, um die heutigen „Anstürme“ aufzuhalten? Na dann schauen wir mal, ob der Türsteher dicke Arme hat.


    Ein wunderschönes, von blühenden Rosen umgebenes Tor schwebt zwischen weißen Wolken, irgendwo in einem unbekannten Universum, in einer anderen Dimension. Es müssen mehr als tausend Menschen sein die sich davor drängen und sich fragen, wie schnell ihr Leben vergangen ist, und ob ihre Taten überhaupt einen Sinn hatten. Was hat man alles getan um ein paar Jahre in Saus und Braus zu leben? Aber auch jetzt, nach ihrem Sterben, sind einige noch nicht schlauer geworden. Sie stehen vor dem gigantischen Tor und warten ungeduldig auf Einlass. Sie haben alle nur weiße Gewänder an. Man kann keine Klassenunterschiede erkennen. Das gefällt einigen Gestorbenen gar nicht, und so fangen sie an, ihren Mitmenschen zu erzählen wer sie waren, was sie hatten und was sie jetzt erwarten.


    Entschlossen geht ein Mann zum Tor und klopft mit seiner Faust dreimal dagegen: "Hallo, ist da jemand?", hört man ihn rufen. "Ich bin Jack Hardman, Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika."


    "Ha", ruft ein anderer amüsiert dazwischen, "wir haben unseren eigenen Außenminister vorm Himmelstor."


    Von weit hinten bahnt sich ein anderer Mann den Weg zum Tor. "Lasst mich doch bitte mal durch, Ha, Ha, Ha. Ich bin Kardinal Brühman, Ha, Ha, Ha", ruft er immer wieder mit einem gezwungenen Lachen.


    "Macht doch mal Platz für seine Eminenz den Kardinal", ruft ein anderer Mann.


    "Herr Kardinal, was geschieht jetzt mit uns?", ruft eine Frau aufge-regt.


    Sofort versammelt sich eine Menschenmenge um den Kirchenmann, um ihn mit Fragen zu überhäufen, die auch er nicht beantworten kann.


    Der Kardinal stiehlt dem Minister die Show. Aber nicht nur der Mi-nister möchte die erste Geige spielen. Auch andere versuchen sich mit großen Worten und Reden wichtig zu machen. Das Durcheinander ist gewaltig. Es ist wie im Leben; jeder möchte Häuptling sein und niemand Indianer. Es fallen aber auch viele auf die Knie nieder, und fangen ehrfurchtsvoll an zu beten. Es sind jedoch alles Menschen die glauben, dass es ein mächtiges Wesen gibt dem man imponieren muss um weiterzukommen; sie haben nie etwas anderes gelernt. Sie knien vor dem Himmelstor und imponieren um die Wette. Nur wenige beten wirklich, und von ganzem Herzen.


    Einige Menschen laufen umher und berichten von ihren guten Taten die sie zu Lebzeiten begangen haben. Sie erzählen wie viel sie schon gespendet haben, wie viel Kirchensteuer sie bezahlt haben und, dass sie im Kirchenchor gesungen haben. Sie benehmen sich so wie sie sich immer benommen haben; niemand denkt nach. Das Durcheinan-der ist schlagartig beendet, als die Tür aufgeht und ein Mann mit einem langen weißen Bart erscheint.


    "Das muss Petrus sein", ruft eine Frau begeistert.


    Doch der antwortet: "Nennt mich wie ihr wollt! Ich habe viele Na-men. Ich bin der, der geschlagen wurde. Ich bin der, der getreten wurde. Ich bin der, der getötet wurde. Ich bin der, der verehrt wurde. Ich bin der, dem viele Menschen folgten. Von mir aus nennt mich Petrus."


    Und wie im normalen Leben, so stürmt auch hier die Masse sofort vor, um Petrus „über den Haufen“ zu rennen. Sie schreien herum. Sie drohen ihm sogar und fordern sofortigen Einlass. 


    Dann folgt ein Donnerwetter das so laut ist, dass die „Gestorbenen“ vor Schreck fast wieder sterben. Alle die nach vorne stürmten, werden von Blitzen getroffen, im hohen Bogen, ans Ende der Masse geschleudert. 


    "Endlich", meint der Kardinal ziemlich kleinlaut. "Ich habe schon einige Leute ausgesucht die in den Himmel dürfen", erklärt er und geht ein paar Schritte auf Petrus zu. Der jedoch beachtet ihn gar nicht und kommt gleich zur Sache:


    "Hinter dieser Tür herrscht Friedfertigkeit. Wer den Frieden so ak-zeptiert wie er ist, und danach leben möchte, der erhebe die Hand."


    Natürlich melden sich die Gestorbenen alle mit voller Begeisterung und erwarten nun in den Himmel eingelassen zu werden.


    "Natürlich wollen wir alle in Frieden leben", meint der Außenminister, und erklärt bei dieser Gelegenheit sofort seine wichtige Stellung in der Gesellschaft.


    "Ich war Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika gewe-sen. Mein Name ist Jack Hardman“.


    "Ich bin Kardinal Brühman, und ich habe wohl das größere Recht mit diesem Mann zu reden, also überlassen sie die Verhandlungen ruhig mir", meint der Kirchenmann und wendet sich wieder an den Prophe-ten. "Hochverehrter Petrus, ich habe hier zwanzig Leute ausgesucht die sofort in den Himmel dürfen. Die anderen muss ich erst noch überprüfen", entgegnet er großspurig.


    "Was ist mit dem Afrikaner dort und was ist mit dem Mann aus Tibet?", fragt der heilige Mann ohne den Kardinal dabei anzusehen.


    "Der Mann aus Tibet ist kein Christ, und bevor ich den Neger überprüfe wollte ich eigentlich noch ein paar andere Leute empfehlen", meint der Kardinal abfällig.


    "Der Neger ist bestimmt auch kein Christ", meint eine Frau empört. Sie erwartet natürlich auch besonders bevorzugt behandelt zu werden. Schließlich hat sie der Kirche eine Menge Geld gespendet. Sie besaß eine Häuserkette und hat sich dort wie eine Königin aufgeführt. Dabei hat sie alles von ihrem Mann geerbt. Sie hat nichts von diesem Wohlstand selbst aufgebaut.


    "Ich will nicht mit einem Neger in den Himmel", ruft ein Mann, und ein anderer ruft: "Ich möchte gerne zu meinen Landsleuten wenn das möglich ist."


    "Ich bin Generaldirektor", ruft ein anderer Mann und meint weiter, "ich möchte gerne mit Leuten zusammen gebracht werden die auch meinem Intellekt und meiner Würde entsprechen."


    "Das sind doch alles Ungläubige", schreit ein anderer Mann wütend, hasserfüllt und sehr zornig. "Es gibt kein Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet."


    Plötzlich springt ein Mann neben Petrus auf die Treppe zum Tor und ruft: "Hört mal alle her! Ich bin Admiral Koch, und ich sage, wir sollten uns zuerst mal aufteilen. Alle Christen bleiben hier vorne ste-hen, Katholiken in der Mitte, Protestanten nach rechts! Neger, India-ner und so weiter nach links, und andere Glaubensrichtungen nach hinten. Sie können sich ja dann in weitere Gruppen aufteilen wenn Sie wollen. Ich fürchte nur es hat wenig Sinn.


    Dann lernen drei Wichtigtuer auf etwas sanftere Weise, fliegen. Plötzlich steht Petrus wieder alleine auf der Treppe vor dem Tor. 


    "Und wo stehen die Deutschen?", ruft ein junger Mann mit einer strengen autoritären Stimme.


    Aber kaum einer nahm den Admiral wirklich ernst. Die Gestorbenen haben sich auch ohne seine Anweisungen in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Wüste Beschimpfungen, die fast in Schlägereien enden, werden ausgeteilt. Muslime, Christen und Juden geraten böse anei-nander.


    Petrus schaut dem Treiben lächelnd zu. Dann meint er schließlich:


    "Ihr armseligen redet oft von Frieden und Freiheit, wenn es aber da-rauf ankommt danach zu handeln, macht sich der wahre Charakter bemerkbar. Dies ist nicht nur der Himmel derer die sich Christen, Muslime oder sonst was nennen. Ihr habt nichts gelernt."


    Nach diesen Worten dreht er sich um und geht in den Himmel zurück. Er nimmt nur die mit, die sich die ganze Zeit über ruhig und bedäch-tig verhalten hatten. Es ist der Farbige, und der Tibeter und einige, deren Weisheit so groß war, dass sie nicht nur für das lächerlich kurze Leben auf Erden gearbeitet haben. Er nimmt die mit, die das Beten aus eigenem Willen beherrscht haben, und die über ihr Leben nachdenken und wirklich bereuen können. Es sind nur wenige die das Himmelstor durchschreiten dürfen; die anderen stehen verdutzt davor und fühlen sich ungerecht behandelt.


    „Wieso durften diese Ungläubigen das Tor durchschreiten?“, hört man einige Gestorbenen zornig schreien.


    "Wieso durfte dieser Straßenfeger durch?" ruft ein anderer.


    "Wieso durfte diese ordinäre Person durch", schimpft eine ältere Frau. "Ich kannte sie zu Lebzeiten; sie war Sängerin, aber wie die schon aussah mit ihren schäbigen Kleidern. Ich glaube die hat doch nie Seife benutzt."


    Doch dann geschieht etwas Unerwartetes. In der Ferne taucht eine furchterregende Gestalt zwischen den Wolken auf. Sie ist von schrecklichen Wesen umgeben deren Anblick jeden erschauern lassen. Der Leibhaftige steht dort und spricht mit einer tiefen vibrierenden Stimme zu den Wartenden:


    "Ihr Menschen, ihr wollt doch schnell in den Himmel. Damit ihr den heiligen Mann an der Pforte besser versteht, soll euer Spiegelbild die Form eures Charakters annehmen."


    Er hat die Worte ausgesprochen und schon erscheint in der Nähe jedes Wartenden ein Spiegel in dem man seinen wahren Charakter er-kennen kann. Einige sehen so aus wie die schrecklichen Gestalten die um den Leibhaftigen herum schweben, aber einige nehmen auch an-genehmere Formen an. Einige der Enttäuschten wollen ihren Spiegel aus Wut zertrümmern, doch sie bekommen ihn nicht zu fassen. Wie böse Geister schweben die Spiegel vor den Wartenden und zeigen ihnen wer sie sind.


    Der Teufel verschwindet wieder und nimmt eine Gruppe armer Seelen mit. Ihre schaurige Gestalt ist jetzt auch ohne Spiegel zu erkennen. Es sind brutale Gewaltverbrecher die, in ihrem Leben nie einen Gedanken an Gefühle und Harmonie verschwendet haben. Und es sind Menschen, die ihren Glauben mit Feuer und Schwert verbreiten wollten.


    Die Wartenden laufen verstört umher und beschimpfen jetzt sogar Petrus. Einer schreit:


    "Das ist unerhört, eine Unverschämtheit, ich möchte meinen Anwalt sprechen."


    Der Kardinal steht betrübt neben einem alten Mann. Er kann nicht glauben, dass er nicht in das Reich Gottes durfte.


    Der Alte spricht leise vor sich hin, aber doch so laut, dass der Kardi-nal seine Worte hören kann:


    Die Letzten werden die Ersten sein.


    Die Ersten werden die Letzten sein.


    Die Untersten werden die Obersten sein.


    Die Obersten werden die Untersten sein.


    Der Kardinal schaut ihn böse an, sagt aber kein Wort. Als das Him-melstor ein zweites Mal geöffnet wird, darf der Alte mit 100 anderen zusammen in den Himmel. Der Kardinal und seine Gefolgschaft müssen noch immer draußen bleiben. Die Wartenden versuchen vor den Spiegeln eine positive Veränderung festzustellen. Doch die Ent-täuschung ist oft groß, und die Wut noch größer. 


    Inzwischen haben noch mehr Menschen bemerkt, dass sie anderen Rassen, anderen Völkern und anderen Glaubensrichtungen angehören. Sie betrachten ihre eigene Herkunft und Weltanschauung als Idealismus; alles was anders ist wird als minderwertig betrachtet. 


    Die Menschen haben gelebt um zu lernen, sie sind gestorben um zu lernen, und jetzt stehen sie vorm Himmelstor und haben immer noch nichts gelernt.


    Der Leibhaftige erscheint wieder in seiner grässlichen Gestalt und nimmt die Hälfte der Streithähne mit. Dann geht das Himmelstor auf und Petrus tritt erneut aus dem Reich Gottes und spricht:


    "Ihr möchtet also einen Himmel der eurer Würde und eurem Intellekt entspricht. Ihr wollt zu Euresgleichen in den Himmel. Ihr wollt nicht zu Ausländern und ihr wollt auch nicht mit anderen Rassen, anderen Völkern, andern Glaubensrichtungen und anderen Gesellschafts-schichten zusammengebracht werden. Ihr habt euch mühevoll einen hohen Rang in der Gesellschaft erkämpft und erwartet jetzt natürlich dementsprechend behandelt zu werden. Nun gut, ich habe einen Platz gefunden der euren Vorstellungen entspricht und wo ihr euch bestimmt wohl fühlen werdet. Ihr dürft nun alle durch dieses Tor schreiten."


    Das Gedränge ist groß. Und alle tun so als ob das bisher nur ein Spiel gewesen wäre. Petrus hat sie bestimmt nur testen wollen. Nun kommen sie ja doch noch in den Himmel. Sie haben auch nichts anderes erwartet; jedenfalls denkt das jeder Einzelne von sich. Man kann immer noch nicht verstehen wieso die anderen früher in den Himmel durften. 


    Sie wissen nicht, dass nur die Menschen in den Himmel durften, die ein Bild vom Paradies malen konnten. 


    Als die restlichen Gestorbenen das Tor durchschreiten, werden sie wieder geboren. Sie sind wieder an dem einzigen Ort den sie sich als Paradies vorstellen können. Sie sind auf der Erde, in einer Zeit vor dem 22. Jahrhundert.

  • Das Land der reichen Inselbewohner

    Rüdiger Janson 2012 Im Februar 2014 aktualisiert.


    Es war einmal eine sehr große Inselgruppe mit zahlreichen Inseln.  Auf jeder Insel wurde irgendwas produziert was die Menschen zum Leben brauchten; also Lebensmittel, Möbel, Maschinen und einfach alles. Die Bewohner der Inseln tauschten gegenseitig die Waren  die sie brauchten. Auf dem Gewässer war also ein reger Handelsverkehr.

    Auf einer Insel wurden hauptsächlich Maschinenteile hergestellt. Die Direktoren der jeweiligen Werke waren auch die Herrscher der Inseln.

    Viele Bewohner hatten Arbeit in der Fabrik. Jeder Bewohner der Insel verdiente Inselgeld. Das waren kleine Goldtaler die die Goldschmiede der Inseln aus dem Inselvermögen herstellten. Manche Leute verdienten etwas mehr, manche etwas weniger. Aber alle hatten genug zum Leben. Jeder bekam seinen gerechten Anteil vom Gewinn. Am meisten verdiente der Direktor. Aber es war genug für alle da. Und weil der Direktor die Insel schön halten wollte, bezahlte einige Bewohner Geld an den Direktor. Er nannte das „Steuern“.

    Dieses Geld kam in einen extra Topf und hatte mit seinem Privatvermögen nichts zu tun; außer, dass sein Gehalt als Inselgouverneur davon bezahlt wurde. Mit den Steuergeldern baute er Straßen und bezahlte die Armee.

    Das war auf allen anderen Inseln auch so. Alle hatten genug und alles war gut.

    Eines Tages trafen sich die Direktoren der Insel zu einem großen Fest. Da erkannte der Direktor der Maschineninsel, dass der Direktor der Bergwerksinsel ein größeres und viel schöneres Boot hatte als er selbst.

    Da wurde der Direktor der Maschineninsel sehr neidisch. Er schickte einen Spion auf die Bergwerksinsel. Als der zurückkam berichtete er dem Direktor der Maschineninsel, dass der Direktor der Bergwerksinsel sehr viel mehr verdient als er. Und auch die Direktoren der anderen Inseln bemerkten das. Der Spion berichtete, dass das Volk anteilsmäßig sehr viel weniger bekommt als das Volk auf der Maschineninsel, und der Direktor anteilsmäßig sehr viel mehr bekommt. Der Direktor der Bergwerksinsel begründete sein astronomisch hohes Gehalt mit seiner „Göttlichen Genialität“, ohne die seine Insel nicht existieren könnte.

    Daraufhin beschloss der Direktor der Maschineninsel Wirtschaftswachstum einzuführen. Er wollte jedes Jahr mehr produzieren. Die 100% Produktion sollte sich somit Jahr für Jahr erhöhen; denn diese 100% des neuen Jahres richtete sich immer nur nach der Produktion des letzten Jahres plus dem Gewinn des letzten Jahres.

    Wenn der Direktor also zufrieden sein wollte, musste im neuen Jahr etwa 100% - also Gesamtumsatz es letzten Jahres plus etwa 20%Gewinn - plus 20% erneuter Gewinn erzeugt werden. Diese 120 % entsprachen im nächsten Jahr aber nur noch 100%.

    Wenn also die Produktion und der Verkauf des letzten Jahres erreicht wurde, aber kein erneuter Gewinn zu verzeichnen war, sprach der Direktor nun von 20% Verlust. Er nannte das „Wachstum“.

    So musste er seinem Volk sagen, dass weniger Maschinenteile verkauft wurden und, dass sie alle sparen müssten. Es sagte, dass sich die Inselwirtschaftliche Lage verschlechtert hätte. Also mussten die Leute mehr arbeiten für weniger Geld. Außerdem erhöhte er die Preise für die Maschinenteile, sodass die Bewohner der anderen Inseln mehr dafür bezahlen mussten. Darauf hin erhöhten aber auch die Direktoren der anderen Inseln die Preise für ihre Waren. Und auch dort mussten die Arbeiter mehr arbeiten für weniger Geld. Urlaub und Freizeit gab es kaum noch.

    Weil der Direktor der Maschineninsel aber ein noch viel größeres und schöneres Boot haben wollte als der Direktor der Bergwerksinsel, beschloss der Direktor der Maschineninsel eines Tages Roboter zu kaufen, die man an den Fließbändern einsetzen kann. Als diese Roboter installiert wurden, konnte der Direktor der Maschineninsel viele Arbeiter entlassen und deren Löhne für sich selbst verwenden. Nun hatte er endlich Geld für sein neues Boot.

    Anfangs ging es der Inselwirtschaft sehr gut. Die Waren wurden untereinander gut verkauft. Aber das war nur am Anfang so.

    Weil auf diese Weise überall auf den Inseln Löhne eingespart wurden und man Leute entlassen hatte, wurden die Inselbewohner sehr arm. Nur wenige hatten noch Arbeit.

    Und weil so wenige Menschen Arbeit hatten, wurde auch weniger Waren verkauft. Die Bauern und freie Handwerker beschwerten sich beim Firmendirektor. Das ärgerte den Direktor der Maschineninsel sehr.

    Er entließ zur Strafe einige Angestellte und sagte, dass die restlichen Angestellte deren Arbeit weiter und besser machen sollten.

    Er erzählte ihnen, dass sie ganz tolle Gewinner wären und die Anderen nur dumme Verlierer, die selbst an ihrem Elend Schuld seien. Sie wurden zur Elite erzogen und regelrecht gekennzeichnet. Sie mussten sich vom übrigen Volk durch teure Anzüge und Nobelkarossen abheben. Es gefiel ihnen, etwas Besonderes zu sein. Sie glaubten das, und verspotteten die Arbeitslosen oder die Leute, die nur noch niedere Arbeiten verrichteten.

    In dieser Zeit wurden viele Inselbewohner immer ärmer. Nur die Direktoren und wenige Angestellte hatten noch viel Geld. Sie kauften sich weiterhin große Boote und protzten um die Wette.

    Weil aber einige Leute nicht arm sein wollten, wurden sie zu Dieben und Verbrecher. Andere wurden sehr wütend, tranken viel Alkohol und schlugen, in ihrem Frust, alles kaputt. Die anderen Inselbewohner hatten Angst abends noch die Häuser zu verlassen.

    Eines Tages sagte einer der Letzten Angestellten der Maschineninsel zu dem Direktor, dass immer weniger Maschinenteile verkauft würden. Der meinte dann, dass man die Preise erhöhen müsse, sodass man noch genügend Geld einnehmen könne. Aber, das machten die anderen Direktoren auf den anderen Inseln auch. Und so wurden immer mehr und mehr die Preise erhöht. Alles wurde teurer und teurer.

    Inzwischen waren die meisten der Bewohner der Inseln so arm geworden, dass sie auf Almosen der Direktoren angewiesen waren. Die Direktoren wollten sie ja nicht verhungern lassen. Sie mussten aber vorher alles verkaufen was sie hatten. Sie mussten mit mehreren Familien in billige Lehmhütten ziehen.

    Und weil die Bewohner so arm wurden, konnten die Direktoren auch immer weniger Steuern einnehmen. Sie mussten es von denen nehmen, die noch Geld hatten. Das waren aber alles einflussreiche Freunde, die ihr Geld nicht hergeben wollten. So brachten sie ein Teil ihres Geldes auf andere Inseln, damit sie nicht so viel Steuern zahlen mussten.

    Die Bewohner wurden mit Brot und Spielen bei Laune gehalten. Außerdem waren die Herrscher, und ihre Angestellten, rhetorisch so geschickt, dass sie fast ihre eigenen Lügenmärchen glaubten, die sie dem Volk täglich unterbreiteten.

    Nun lagerten auf den Inseln sehr viele Waren, die die Bewohner brauchten, die sich aber niemand mehr leisten konnte. Und weil sich niemand mehr die Waren leisten konnte, wurden auch eines Tages die Direktoren unzufrieden. Einige Inselbewohner wurden so wütend, dass sie die Lager plünderten und die Direktoren angriffen. Die Armee trieb sie aber wieder zurück.

    Andere gingen zu den Goldschmieden – die damals so etwas wie Banker der Insel waren - und liehen sich Geld, um ihren alten Scheinluxus noch halten zu können. Und wenn sie nichts mehr zurück bezahlen konnten und keine Sicherheiten mehr hatten, verlangten die Goldschmiede das Geld von den Steuereinnahmen wieder zurück. Aber es waren kaum noch Steuereinnahmen da. Die Direktoren machten selbst Steuerschulden um das alles organisieren zu können. Ihr eigenes Geld wollten sie auch nicht hergeben.

    Außerdem musste die Produktion immer wieder unterbrochen werden, weil es an Ersatzteilen und Waren mangelte, die man von den anderen Inseln erhielt. So beschlossen einige Inselherrscher, gegen andere Inseln Krieg zu führen, um an deren Produkte heranzukommen. 

    Der Direktor der Maschineninsel nannte das: „Eine Neue Inselordnung“.

    Andere Inselherrscher ärgerte das sehr. Wenn es einem Herrscher gelang über mehrere Inseln gleichzeitig zu herrschen, machte ihn das zu mächtig. So wollten viele Inselherrscher die Kriege beenden. Ein großes, fast unüberschaubares, Durcheinander begann.

    Das wiederum brachte noch mehr Armut über die Inseln.

    Und weil niemand mehr die Waren kaufte, mussten immer mehr Fabriken geschlossen werden. So waren einige wenige Inselbewohner sehr reich geworden. Das Volk wurde jedoch immer ärmer, und von den Kriegen oftmals Leid gequält. Die begehrten Waren lagerten in, von der Armee bewachten, Festungen. Die Schuld an allem wurde dem Direktor der Bergwerksinsel gegeben.

    Eines Tages waren einige Inseln so arm geworden, dass sie auf Almosen anderer Inseln angewiesen waren. Aber auch die anderen Inseln mussten eigentlich sparen. Und so kam es, dass eine Insel nach der anderen immer ärmer wurde.

    Neben diesem Leid, begann nun aber auch die große Zeit der

    Goldschmiede.

    Die Bürger die noch einflussreich waren, brachten ihr Gold zu den Goldschmieden, die es „sicher verwahrten“. Damit auch viele Bürger ihr Geld zu ihnen brachten, versprachen die Goldschmiede, dass ihr Geld arbeitet und 3% Zinsen erwirtschaftet.

    Als die Goldschmiede begannen Gold zu verleihen, verlangten sie für 100 Taler, 100 wieder zurück plus fünf Taler Zinsen. Also musste der Schuldner 105 Taler zurück zahlen.

    Viele Bürger begannen sich Goldtaler zu leihen und alle mussten 5% zurückzahlen. Die Goldschmiede wussten aber, dass das gar nicht möglich war. Denn wenn sie jedem Geld leihen würden, wäre das Geld das man zurückzahlen müsste, plus den Schuldzinsen, inzwischen weit höher als der Gesamtbestand an Gold auf der Insel. Dass hatte zur Folge, dass nicht alle ihre Schulden zurückzahlen konnten. Somit gingen viele Sicherheiten an die Goldschmiede, die immer reicher und reicher wurden.

    Die Goldschmiede behielten, um Nachfragen der Goldbesitzer zuvorzukommen, immer eine Goldreserve zurück. Um dieses begehrte seltene Gold nicht zu verschwenden und besser und mehr verleihen zu können, erfanden die Goldschmiede ersatzweise andere Zahlungsmittel.

    Das Volk erhielt vom Goldschmied die ersten Wertpapiere. Damit konnte man überall bezahlen. Bald aber bemerkten die Verwahrer des Goldes, dass nicht viele Besitzer ihr eigenes Gold sehen wollten. Ihnen genügten die Wertpapiere. Die Goldschmiede konnten aus dem Gold teuren Schmuck machen und es gewinnbringend weiter verkaufen.

    Natürlich nur gegen Gold oder Silber. Dieses Geschäft reichte ihnen aber

    bei weitem nicht mehr aus. Sie hatten neue Ideen.

    Nun begann das zwielichtige Geschäftstreiben mit dem verwahrten

    Gold.

    Die Goldschmiede verliehen Wertpapiere auf das Gold, das immer noch bereit im Keller lag. Sie konnten das Gleiche Gold so oft verleihen wie sie wollten. Die Goldschmiede gaben, ohne Wissen ihrer Kunden, mehr Wertpapiere aus, als Gold vorhanden war. Sie gaben Darlehen an Kunden, dessen Wert nur auf Papier existierte.

    Die Kredite mussten aber mit harter Währung, mit Zinsen, zurückbezahlt werden. So begann die wundersame Geldvermehrung.

    Solange das niemand bemerkte, konnte das Geschäft gut weiter laufen.

    Das Geld konnte sich – wie durch Zauberei – vermehren.

    Somit kam es, dass die Goldschmiede immer mächtiger und einflussreicher wurden. Sie wurden sogar mächtiger und einflussreicher als die eigentlichen Herren der Inseln.

    Sogar das große Boot des Herrschers er Bergwerksinsel war eigentlich nur auf Kredit finanziert. Somit wurde – des Neides wegen – viel auf Kredit gekauft um mit den anderen Angebern mithalten zu können.

    Inzwischen waren die Goldschmiede die Herren der Inseln. Und sie feierten ihren Erfolg in geheimen Clubs, in die nur Ihresgleichen aufgenommen wurden. Und sie rafften weiter und herrschten hinter den Kulissen; im Geheimen.

    Das hatte zur Folge, dass es einige Leute sehr reich, und sehr viele andere Leute sehr arm wurden.

    Und das alles geschah nur deshalb, weil einer ein größeres Boot haben wollte, als der andere.

    www.janson-ruediger.de


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